11.07.2009 / Gera: Neonazi-Rock-Festival

 „Nach der Machtergreifung wärt ihr sowieso lästige Zeugen der Kampfzeit“, gröhlt Michael Regener alias „Lunikoff“ auf der Bühne ins Mikrofon. Seine ZuhörerInnen auf der Geraer "Spielwiese" applaudieren lautstark.

 

Der lokale NPD-Kreisverband veranstaltete an diesem Nachmittag ein neonazistisches Rock-Festival. Dazu waren nach Polizeiangaben bis zu 3.900 Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet und mehreren europäischen Ländern angereist, um am "Rock für Deutschland" teilzunehmen.

 

Damit avanciert die seit 2003 jährlich stattfindende Veranstaltung, gemessen an der TeilnehmerInnenzahl, nach den Großaufmärschen von Dresden zum derzeit zweitgrößten Neonazi-Event in Europa.

 

Regener (44), Ex-Mitglied der Neonazi-Rockband „Landser“ und Frontmann der „Lunikoff Verschwörung“, gilt als Ikone der "Bewegung". Der Auftrit in Gera war einer seiner wenigen großen öffentlichen Auftritte seit der Entlassung aus der JVA Berlin-Tegel Anfang 2008. Hier hatte er knapp  3 Jahre Haft abgesessen, nachdem er bereits am 22. Dezember 2003 vor dem Berliner Kammergericht wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der Band "Landser", zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt worden war.  
Dass in Gera beinahe doppelt so viele Neonazis an der Veranstaltung teilnahmen wie ursprünglich von den VeranstalterInnen erwartet, dürfte u.a. auch auf den „Märtyrerstatus“, den Regener seit seiner Verurteilung innerhalb der Neonazi-Szene genießt, zurückzuführen sein.

 

Neben der „Lunikoff Verschwörung“ traten mit „Brainwash“, „Blitzkrieg“ und „Sleipnir“ drei weitere Bands auf dem Neonazi-Festival auf. Brainwash (dt.: Gehirnwäsche) waren nach Angaben der VeranstalterInnen kurzfristig für die Band „Frontalkraft“ eingesprungen, die aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes ihres Schlagzeugers nicht auftreten konnte. Brainwash (Sachsen/Thüringen) zählen zu den VertreterInnen des NS-Hardcore. Dabei handelt es sich um eine aggressive Form des Hardcore-Punk mit meist hasserfüllten, oftmals englischsprachigen Texten. Diese Musikrichtung findet insbesondere in Kreisen der subkulturell orientierten „Autonomen Nationalisten“ starken Zuspruch. Die Orientierung an Dresscode und Lebensstil der modernen Metal- und Hardcore-Szene ermöglicht ihren AnhängerInnen, sich im Alltag weitgehend ungestört bewegen zu können und nicht als Neonazi erkannt zu werden. So kommt es beispielsweise in Westsachsen immer wieder dazu, dass sich NSHC'ler bei Konzerten unbemerkt unter nicht-rechte SzenegängerInnen mischen können.

Die Chemnitzer Band „Blitzkrieg“ bewegt sich im engen Umfeld der rechten Fanszene des Chemnitzer FC. MIt ihrem Titel "Hoonara" steuerten sie den Song zum "Schlachtruf" der gleichnamigen neonazistischen und gewaltbereiten Hooligangruppierung bei. "Hoonara" steht dabei für "Hooligans, Nazis, Rassisten". Musikalisch stammt sie ursprünglich aus dem Spektrum des klassischen Rechtsrock und macht mittlerweile ebenfalls "Hatecore".

„Sleipnir“ ist das Pseudonym des neonazistischen Liedermachers Marco Laszcz und gleichsam der Name seiner Band. Die Gruppe, deren Mitglieder aus Verl, Gütersloh und Bad Salzuflen stammen, zählt zu den umtriebigsten Neonazi-Bands im deutschsprachigen Raum und dürfte neben der „Lunikoff Verschwörung“ als Publikumsmagnet gewirkt haben. Einem Bericht des Info-Portals „Turn it down“ zufolge verfügt die Band über Kontakte zu dem neonazistischen Musik-Netzwerk „Blood & Honour“. Die Gruppe kann auf eine lange Band-Geschichte zurückblicken. Marco Laszcz trat erstmals 1995/96 als „Sleipnir“ auf. Seine erste CD erschien 1996 und wurde bereits kurze Zeit später auf Beschluss des Amtsgerichts Ulm wegen ihrer ausländerfeindlichen Inhalte beschlagnahmt. 1999  erschien das Debüt-Album der Band „Das rechte Wort“. Die Split-CD mit dem Liedermacher „Patriot 19/8“ (19/8 ist eine in Neonazi-Kreisen gebräuchliche Zahlenkombination, die für die Buchstaben „SH“ steht und ausgesprochen „Sieg Heil“ bedeuten soll) wurde am 31. August 2004 indiziert. Die neonazistischen Musiker haben bislang 13 Alben sowie eine Reihe von Sampler-Beiträgen produziert. Seit 2003 erscheinen die CDs auf dem bandeigenen Plattenlabel „Boundless Records“. Die Mitglieder betreiben daneben mit dem „Wolfszeit“-Versand eine Vertriebsplattform für neonazistische Musik und Merchandise.

Nach wie vor stellt Rechtsrock ein Kernelement des aktuellen Neonazismus in Deutschland dar. Entsprechend war es mit diesem musikalischen Rahmenprogramm der NPD Gera erwartungsgemäß gelungen, ein für die Neonaziszene attraktives musikalisches Angebot zu schaffen.

Die Umbaupausen zwischen den Bands nutzte die NPD zum Wahlkampf. Verschiedene NPD-Politiker aus Bayern, Thüringen und Berlin versuchten, die zahlenden Gäste zur Stimmabgabe für die neonazistische Partei zu bewegen. Peter Nürnberger, Landesgeschäftsführer und Pressesprecher der Thüringer NPD, beschwor die nationale Einheit von NPD-ANhängern und freien Aktivisten: „Wir müssen als Nation zusammenstehen.“ Die rund 700 Menschen, die sich zur Mittagszeit zu einer Demonstration gegen das Neonazi-Happening in der Innenstadt versammelt hatten, beschimpfte er als „Gesindel“, mit dem seine Partei „aufräumen“ werde. „Wenn wir an der Macht sind, kriegt dieses Gesindel keinen Alkohol. Von uns gibt’s Wasser und Seife, damit sich dieses Gesindel seinen Dreck abwaschen kann.“
Patrick Schröder, Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Weiden/Oberpfalz, träumte mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen am 30. August bereits vom (Wieder-)Einzug in zwei Länderparlamente. Hierzu bedürfe es allerdings der Mithilfe aller KameradInnen im Wahlkampf. „Es darf keine Zuschauer mehr geben in den nächsten zweieinhalb Monaten.“ Die andauernden, zumeist regionalen Konflikte zwischen NPD und freien Kameradschaften kritisierte er scharf. Die „nationale Bewegung“ müsse für jeden offen stehen. Deshalb appellierte Schröder eindringlich an Partei und freie Kameradschaften, künftig zusammen zu halten. Der NPD-Politiker verwies seine ZuhörerInnen in diesem Kontext insbesondere auf die finanziellen Mittel, die den NPD-Landtagsfraktionen aufgrund der Parteienfinanzierung zustünden.
Währenddessen ging der Bundesvorsitzende der NPD, Udo Voigt, bereits fest von einem Landtagseinzug seiner Partei in Thüringen aus. Er kritisierte zunächst die Ankündigung der Polizei, alle Kundgebungsbeiträge aufzuzeichnen, um ihre Inhalte auf eine mögliche strafrechtliche Relevanz prüfen zu können. Anschließend holte er zu einem Rundumschlag gegen AusländerInnen aus. „Die Deutschen haben in ihrem eigenen Land nichts mehr zu sagen. Bei uns bestimmen die Ausländer und das Kapital (…) Jeder Fremde, der hier einen Arbeitsplatz hat, nimmt einem Deutschen seinen Platz weg. Darum fordern wir den Abzug, die Rückführung aller Ausländer aus Deutschland.“ Die Massen applaudierten lautstark. Voigt griff in der üblichen NPD-Manier zudem die Globalisierung an. Deutschland würde immer wieder „fremde Interessen“ vertreten. Zeitgleich zu Voigts Rede wurden, wie auch währende der gesamten Neonazi-Veranstaltung, an den Getränkeständen auch die Softgetränke eines namhaften US-amerikanischen Global Players verkauft.

Events wie das "Rock für Deutschland" dienen der Neonazi-Szene einerseits dazu, die bestehenden Strukturen zu festigen und durch Schaffen einer familär anmutenden Atmosphäre, die Idee einer "nationalen Bewegung" aufleben zu lassen. Damit sollen die Grabenkämpfe und Streitereien zwischen den parteigebundenen AnhängerInnen der NPD auf der einen Seite und den parteifreien AktivistInnen der so genannten "Freien Käfte" auf der anderen in den Hintergrund gedrängt werden. Dahinter steckt Kalkül. Gerade vor den anstehenden Wahlen im Herbst ist der NPD nur allzu deutlich bewusst, dass sie ohne die aktive Unterstützung der "freien Kräfte" wenig Chancen hat, den "Kampf um die Straße" für sich zu entscheiden. Ausserdem lassen sich durch Festivals wie „Rock für Deutschland“ oder den jüngst stattgefunden „Thüringentag der nationalen Jugend“ (13.06.2009 in Arnstadt) Personen für die Szene rekrutieren, die zwar neonazistischem Gedankengut aufgeschlossen gegenüber stehen, sich bislang aber nicht politisch betätigen. Gleichzeitig diente die Veranstaltung der Akquise von Wahlkampfmitteln für die finanzschwache NPD. Alleine die Einnahmen durch Eintrittsgelder lagen aufgrund der hohen TeilnehmerInnenzahl im fünfstelligen Bereich. Mehrere Imbiss- und Merchandise-Stände unterstrichen den kommerziellen Charakter der Veranstaltung.

 
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