17.08.2009 / Altenburg: "Dann zieh doch deine Waffe."
 In der Nacht vom 16. auf den 17. August 2004 hatten zwei Neonazis in der ostthüringischen Stadt Altenburg versucht, Plakate zu kleben, auf denen der Hiter-Stellvertreter Rudolf Hess verherrlicht wurde. Bei der Festnahme der Neonazis löste sich ein Schuss aus der Dienstpistole eines Polizisten und durchschlug den Oberarm eines damals 18jährigen polizeibekannten Neonazis. Dieser musste danach operiert werden.
Schon Stunden nach der Tat, am Abend des 17. August 2004, demonstrierten etwa 150 Neonazis gegen "Polizeiwillkür" und für "Meinungsfreiheit". Seither findet alljährlich eine solche Demonstration in Altenburg statt.

Auch für den Abend des 17. August 2009 hatten regionale Neonazis aus dem Spektrum des so genannten parteifreien "Freien Netz Altenburg" und der örtliche NPD-Kreisverband zu einem Aufmarsch aufgerufen. Es gelte "nicht zuzulassen, dass der Schuss des bundesdeutschen Polizisten auf einen jungen Menschen in Vergessenheit gerät!", denn dieser habe nur sein "Recht auf Meinungsfreiheit" wahrgenommen. So hiess es im Aufruf der Neonazis. Entsprechend lautete das Marschmotto auch "Meinungsfreiheit schützen! - Gemeinsam und lautstark!"

 

An der im Vorfeld nur mäßig beworbenen Demonstration beteiligten sich, vorrangig Neonazis aus Altenburg und den angrenzenden Regionen unter denen traditionell eine enge Zusammenarbeit besteht. Insgesamt waren es ca. 150 Neonazis, die zusammen gekommen waren. Unter den Angereisten befanden sich weiterhin VertreterInnen der Jungen Nationaldemokraten und "Freier Kräfte" aus Sachsen-Anhalt sowie Neonazis aus verschiedenen Orten in Westsachsen. Auch einige NPD-Aktivisten, darunter der NPD-Spitzenkandidat für die Thüringer Landtagswahl, Frank Schwerdt, nahmen teil.
Dieser sprach auch zu den teilnehmenden Neonazis und nutzte seine Rede vorrangig zum Wahlkampf in eigener Sache.
Andere Redner prophezeiten den baldigen "Zusammenbruch des Kapitalismus" schon in wenigen Jahren und beschworen die "2000jährige Geschichte unseres (des Deutschen, Anm.d.Red.) Volkes", welches alleinig dafür gesorgt habe, dass Europa in seiner heutigen Form existiere. ""Ohne unser Deutschland wäre Europa schon längst islamisiert" schrie ein Redner den Neonazis zu. Ferner prangerten sie die "Zensur" und die "Einschränkung der Meinungsfreiheit" an. Aus diesem Grund, sei ihr 18jähriger Kamerad vor 5 Jahren angeschossen worden. Seine "Meinungsfreiheit" bestand darin, den Selbstmord von Rudolf Hess im Gefängnis von Berlin-Spandau als "Mord" zu bezeichnen.

Begleitet von einem starken Polizeiaufgebot zogen die Neonazis durch die Innenstadt von Altenburg. Auf dem Marktplatz der Skatstadt hatte ein lokales Bündnis gegen rechts 100 Mülltonnen mit der Aufschrift "Weg mit dem braunen Müll" aufgestellt. Zudem demonstrierten etwa zwei Dutzend Menschen gegen den Aufmarsch. Nachdem die neonazistische Kundgebung beendet worden war, kam es kurz zu leichten Auseinandersetzungen. Die Gegner der Neonazis hatten die Deckel der Mülltonnen zum Lärmmachen genutzt, was prompt von einzelnen Neonazis ebenfalls getan wurde. Nachdem eine Gruppe von etwa 30 Neonazis begannen, so die Mülltonnen-Deckel zu schlagen, griffen die anwesenden PolizistInnen ein. Im Gerangel wurden mehrere Mülltonnen von den Neonazis umgeworfen. Im anschliessenden Handgemenge zwischen den Beamten und den DemonstrationsteilnehmerInnen, bedrohten mehrere Neonazis die Polizisten. "Auch wir merken uns eure Gesichter!" Ein führender Thüringer Neonazi rief den Polizisten unter dem Jubel der Neonazis zu: "Dann zieh doch deine Waffe".

Auffällig war, dass die Demonstration fast vollständig dominiert war von subkulturell und aktionistisch geprägten jungen Neonazis. Ein Großteil der TeilnehmerInnen zählte rein äußerlich zu AnhängerInnen der "NSHC"- der national socialist hardcore-Szene und trug dies mit enstprechenden T-Shirts, Tattoos und Piercings nach Außen. Das verwundert nicht, nimmt die Region um Altenburg doch schon seit Jahren eine Vorreiterrolle in diesem subkulturellem Spektrum ein. Mit den Bands "Eternal Bleeding", Moshpit" und "Brainwash" stammen gleich mehrere der derzeit beliebtesten neonazistischen RechtsRock-Bands dieses Genres von hier. So, wie die Neonazis keine Berührungsangst zu Hardcore, als eine ursprünglich als "links" codierte kulturelle Bewegung, haben,  verwendeten sie auch eine Vielzahl von als "links" wahrgenommenen Parolen.  Auf T-Shirts war zu lesen "Kapitalismus tötet" und gegen die Polizei wurde gerufen: "BRD-du Bullenstaat. Wir haben dich zum Kotzen satt."

 
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