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In Berlin-Prenzlauer Berg mussten knapp 600 Neonazis um den Anmelder Sebastian Schmidtke eine gefühlte Niederlage einstecken.
Die von dem NPD-Landesvorstandsmitglied und ehemaligen Kameradschaftsaktivisten angemeldete Demonstration fand schon nach nur 800 Metern ihr vorläufiges Ende. Die Neonazis mussten hier zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. Trotz hermetischer Absperrungen war es einigen tausend GegendemonstrantInnenengelungen, zeitweise an mehreren Orten gleichzeitig die Aufzugsstrecke zu blockieren. Dabei gingen Polizeikräfte teilweise gewaltsam gegen die BlockiererInnen vor. Um direkte Konfrontationen zwischen den Neonazis und ihren GegnerInnen zu verhindern und weil aus dem Neonazi-Aufzug heraus mehrere Straftaten begangen worden waren, entschied die Polizei, dass die Neonazis zum Auftaktkundgebungsort am S-Bahnhof Bornholmer Straße zurückzukehren hatten. Dort reisten sie am frühen Abend geschlossen in einer eigens bereitgestellten Sonder-S-Bahn, das Hitlerjugend-Lied "Ein junges Volk steht auf" singend, aus dem Berliner Norden ab.
Noch während sich die Neonazi-DemonstrantInnen Berlin-Prenzlauer Berg sammelten, versuchten gegen 13 Uhr etwa 280 weitere Neonazis auf dem Kurfürstendamm spontan aufzumarschieren. Parolen skandierend zogen sie vom S-Bahnhof Hohenzollerndamm zum Kurfürstendamm. Nachdem sie mit Flaschen auf PolizistInnen und GegendemonstrantInnen geworfen hatten, löste die Polizei die Versammlung auf und nahm ca. 280 TeilnehmerInnen in vorläufigen Gewahrsam. Bei der folgenden Personendurchsuchung fanden die Beamten Reizgas, Schlagstöcke sowie ein Messer. Nach Angaben der Polizei wird ihnen allen schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen. Die Neonazis stammten vorrangig aus Berlin und dem angrenzenden Umland. Unter ihnen befanden sich Augenzeugen zufolge auch Mitglieder der verbotenen Kameradschaft "Frontbann 24" sowie hochrangige Berliner NPD-Funktionäre.
Die zentrale Veranstaltung in Berlin-Prenzlauer Berg stand unter dem Motto "Unserem Volk eine Zukunft Den bestehenden Verhältnissen den Kampf ansagen - Nationaler Sozialismus jetzt!" und begann gegen 13.30 Uhr mit rund 90minütiger Verspätung. Hatten im Vorfeld sowohl die Veranstalter als auch der Berliner Verfassungsschutz medienwirksam mit bis zu 3.000 TeilnehmerInnen gerechnet, waren aufgrund von mehreren parallel stattfindenden Demonstrationen im gesamten Bundesgebiet gerade einmal 600 zur Demonstration gekommen. Viele von ihnen trafen aufgrund blockierter Bahngleise mit großer Verspätung am Auftaktkundgebungsort ein. Dort durften sie sich zu den Klängen linker Liedermacher, die aus einem benachbarten Wohnblock kamen, den strengen Vorkontrollen durch die Polizei unterziehen. Die Beamten wurden oftmals fündig. Nach Abschluss der Kontrolle waren zwei blaue Müllsäcke mit verbotenen Devotionalien wie Böllern, Reizgas oder Notfallhämmern gefüllt. Manch Kamerad schaffte es jedoch nicht einmal bis ins Kontrollzelt. Ein stark angetrunkener Neonazi-Anhänger wurde in Gewahrsam genommen, nachdem er einem Platzverweis nicht Folge geleistet hatte. Anderen missfiel die hohe Medienpräsenz. Sie versuchten erfolglos, gewaltsam einzelne PressevertreterInnen zu attackieren. Wieder andere verhüllten sich in ihren mitgebrachten schwarzen Fahnen, um nicht fotografiert zu werden.
Der Großteil der anwesenden Neonazis war von weither angereist. Zumeist kamen die Teilnehmenden aus den norddeutschen Bundesländern und Brandenburg. Einzelne Personen und Kleingruppen waren aus den Niederlanden, Großbritannien, Spanien, Tschechien und Italien gekommen. Der Ordnerdienst der Demonstration wurde unterstützt von Neonazis aus Hamburg und Sachsen-Anhalt gestellt. Die Hildesheimer "Bürgerinitiative für Zivilcourage" um Dieter Riefling, in Niedersachsen im NPD-Landesvorstand vertreten, präsentierte gleich zwei Transparente. Die zerstrittenen Neonazi-Funktionäre Thomas Wulff und Christian Worch waren ebenso angereist wie der Kölner Kader Axel Reitz. Auch Michael Behrens und Dennis Bührig, Führer der beiden niedersächsischen Kameradschaften "Snevern Jungs" (Schneverdingen) und "Celle 73" waren nach Berlin gekommen.
Worch und Wulff widmeten sich in ihren Redebeiträgen der in Deutschland angeblich vorhandenen Überfremdung und ließen ihrem rassistischen Gedankengut freien Lauf. "Ausländer spielen eine immer größere Rolle im Kalkül der etablierten Parteien. Deutsche, tauscht eure Politiker aus, bevor sie ihr Volk austauschen", forderte Wulff seine Anhänger auf und erntete für diese Worte reichlich Applaus. Die Verantwortung für die andauernde Weltwirtschaftskrise schob das NPD-Bundesvorstandsmitglied in bester verschwörunsgtheoretischer Manier einer "kleinen Clique an der Ostküste Amerikas" in die Schuhe. Die latent antisemitische Mär vom "Mammon von der Ostküste" wurde bereits von der NSDAP-Propaganda verbreitet. |