Eine im Vorfeld als „Großdemonstration“ angekündigte Veranstaltung von Neonazis endete in Leipzig am Nachmittag noch bevor sie begonnen hatte. Etwa 1.200 Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet hatten sich am Leipziger S-Bahnhof Sellerhausen versammelt, um an der Demonstration mit dem Motto „Recht auf Zukunft“ teilzunehmen.
Mehrere Stunden mussten die Neonazis dort ausharren, ehe die Veranstaltung von der Polizei aufgelöst wurde. Die Organisatoren hatten zu wenige OrdnerInnen gestellt, was zu zeitlichen Verzögerungen geführt hatte. Schließlich wurden Polizeibeamte aus der Kundgebung heraus mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen. Unmittelbar darauf beendete die Polizei den Aufmarsch noch bevor er begonnen hatte. Anschließend wurde die Identität der über 1.000 TeilnehmerInnen festgestellt, was sich über mehrere Stunden bis in den Abend hinein zog. Nach Angaben der Polizei wird gegen alle TeilnehmerInnen eine Anzeige wegen Landfriedensbruchs eingeleitet. Damit war das im Vorfeld angekündigte Ziel, mit einer „Großdemonstration“ die Straßen Leipzigs „zurückzuerobern“ gescheitert. Aufgerufen und mobilisiert wurde zur der Demonstration aus dem Spektrum der „Freien Nationalisten Leipzig“ und der "Jungen Nationaldemokraten" (JN). Als Anmelder fungierte der Leipziger Tommy Naumann, welcher nicht nur bei den so genannten „Autonomen Nationalisten“ aktiv ist, sondern gleichzeitig Landesvorsitzender der sächsischen JN ist. Im Vorfeld wurde die Demonstration bundesweit massiv beworben, nicht nur auf einschlägigen neonazistischen Homepages, sondern zuletzt auch von der NPD Sachsen.
Trotzdem die Neonazis mehrere Stunden am Treffpunkt umringt von Polizeiabsperrungen warten mussten, nahmen sie Aufstellung in Blöcken und mit Transparenten. Die ersten Reihen wurden dabei angeführt von einschlägig bekannten Leipziger Neonazis und Protagonisten des „Freien Netz“. Aus dieser Gruppe heraus wurden auch FotografInnen verschiedener Medien bedrängt und bedroht. „Wenn du hier Fotos von uns machst, schlagen wir dich zusammen“, so ein Neonazi. Aktivisten des "Freien Netz" stellten auch einen Großteil der Ordner für die Veranstaltung.
Beinahe der komplette Demonstrationszug wurde dominiert von schwarz gekleideten AnhängerInnen der „Autonomen Nationalisten“. Einzelne Teilnehmer kamen aus Tschechien, darunter der dortige Neonazi-Kader Patrik Vondrak. Für die Leipziger Neonaziszene bedeutet der Misserfolg am 17. Oktober eine schwere Schlappe. Aufwändig hatten sie im Vorfeld mithilfe einer eigenen Mobilisierungshomepage, Web-Bannern und einem Youtube-Video zur Demonstration mobilisiert. Damit einher ging eine spürbar verstärkte Dominanz von Neonazis in Leipzig. Mehrfach war es in den letzten Wochen zu Übergriffen von Leipziger Neonazis und Fussballfans von LOK Leipzig auf nicht-rechte Jugendliche gekommen. Das verwundert nicht. Denn schon seit Wochen ist eine spürbar enger werdende Zusammenarbeit zwischen den "Autonomen Nationalisten" um die regionalen Neonazi-Kader Tommy Naumann und Patrick Fischer und einem Teil der neonazistischen Hooligan-Fanszene vom regionalen Fussballverein LOK Leipzig zu beobachten. Entsprechend waren unter den TeilnehmerInnen auch eine Vielzahl von Hooligans festzustellen.
An mehreren Kundgebungen gegen den Neonaziaufzug hatten sich nach Medienangaben etwa dreitausend BürgerInnen und AntifaschistInnen beteiligt. Obgleich die Polizei teilweise Blockaden von Neonazi-GegnerInnen räumte, blieb es dennoch weitestgehend friedlich. Als Ironie der Geschichte wirkt dabei der Umstand, dass die Polizei gerade im Begriff war, die Blockade am S-Bahnhof Sellerhausen zu räumen und den Neonazis den Weg frei zu machen, als diese die Beamten angriffen. Dabei wurde auch der Polizeipräsident Horst Wawrzynski selbst am Ohr verletzt. Anstelle nun wie in der Regel üblich, gegen die GegendemonstrantInnen vorzugehen, beendete die Polizei nach den Angriffen den Aufmarsch. Ein besseres Eigentor hätten sich die Neonazis nicht schiessen können.
Das der Neonaziaufmarsch keineswegs von der Stadt gewollt war, spiegelte sich im Einsatz der Polizei wider. Mit Gittern und vielen Einsatzkräften rund um den Aufmarschort sollten die Neonazis im Zaum gehalten werden. Auch konnten die GegnerInnen des Neonaziaufgebotes in Sichtweite demonstrieren und die Straße über Stunden blockieren. Ein seltenes Bild in Sachsen, da sonst auf räumliche Trennung beider Lager viel Wert gelegt wird. Nachdem jedoch mehr und mehr TeilnehmerInnen zu der Neonazidemonstration stießen sollte nochmals die Anzahl der Ordner erhöht werden. Als die Einsatzleitung die Personen sehen wollte, kommentierte der Anmelder Tommy Naumann: „Ich lass mich hier doch nicht verarschen!“ Die Folge war ein weiteres Warten für die Neonazis.
Derweile wird die gescheiterte Demonstration online scharf diskutiert. Auf dem neonazistischen Web-Portal "Altermedia" kritisieren viele LeserInnen die "Unerfahrenheit und Unfähigkeit" der Leipziger Organisatoren der Demonstration sowie das Auftreten der "Autonomen Nationalisten", welche durch ihr Erscheinungsbild die Szene als solche schädigen würden.
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