12.06.2010 / Pößneck: 120 Neonazis gegen den „Volkstod“

 In der ostthüringischen Kleinstadt Pößneck versammelten sich am 12. Juni etwa 120 Neonazis zum so genannten „Thüringentag der nationalen Jugend“ (TdnJ). Mit deutlicher Verspätung und weit weniger TeilnehmerInnen als erwartet fand die mittlerweile neunte Veranstaltung dieser Art statt.

 

Seit 2002 organisieren Neonazis aus Thüringen den TdnJ in verschiedenen Städten. Im vergangenen Jahr waren noch zirka 300 Neonazis ins mittelthüringischen Arnstadt gekommen.

Ursprünglich organisierte die NPD den „Tag der nationalen Jugend“ als eine der ersten Musikveranstaltungen dieser Art in Thüringen. Seit 2009 organisieren so genannte „Freie Kräfte“ die Veranstaltung

 

Der Übernahme voraus ging ein langer Streit der NPD Thüringen um Führungspersonen, sowie wurde sie bedingt durch die zunehmende Tendenz, dass Neonazis  „parteifreie Strukturen“ als Organisationsform favorisieren.


Im Laufe der Zeit kamen in dem Freistaat noch weitere solcher Musikveranstaltungen hinzu. Seit 2003 organisiert der lokale NPD-Kreisverband das „Rock für Deutschland“ in Gera. Im vergangenem Jahr pilgerten dazu mehrere tausend Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet an. Grund für den starken BesucherInnenzuwachs dürfte vor allem die Ankündigung eines Auftritts der „Lunikoff Verschwörung“ (Michael Regener) gewesen sein. Regener hat als Frontmann der Band „Landser“ Kultstatus in der Szene erlangt. Eine weitere Veranstaltung ist das „Fest der Völker“ (FdV), welches aus dem Kreis der Jenaer Neonazis Ralf Wohlleben und André Kapke organisiert wurde. Ursprünglich sollte es jedes Jahr in Jena stattfinden. Durch breite Proteste mussten die Neonazis seit 2008 in andere Städte ausweichen. Erst im vergangenem Jahr fand das FdV in Pößneck statt. Auf das Gelände des Schützenhauses, welches dem verstorbenen Neonazi-Rechtsanwalt Jürgen Rieger gehörte, reisten über 450 Neonazis an. Desweiteren geht aus einer einer kleinen Anfrage im Thüringer Landtag hervor, dass am 6. Februar 2010 ein Konzert der Neonaziszene in Pößneck stattfand. Hierfür wurden wieder die Räumlichkeiten des Schützenhauses genutzt. Das Konzert wurde als „private Wohnungseinweihungsfeier“ deklariert und nicht polizeilich aufgelöst. Dabei trat u.a. die in der Szene beliebte RAC („Rock Against Communism“) Band „12 Golden Years“ auf. Der Bandname lässt vermuten, dass es sich um die 12 Jahre des Dritten Reiches handelt.
In Thüringen finden somit derzeit die wichtigsten öffentlichen Musikveranstaltungen der neonazistische Szene in der Bundesrepublik statt.

Allerdings folgt daraus nicht automatisch, dass zu den Veranstaltungen viele TeilnehmerInnen anreisen. Gerade an die 120 Neonazis waren dem Aufruf, nach Pößneck zu fahren, gefolgt. Der Anmelder Steffen Richter dürfte mit mindestens doppelt so vielen TeilnehmerInnen gerechnet haben. Mit überwiegend regionalen RednerInnen und Bands begann die Veranstaltung knapp zwei Stunden verspätet. Den Anfang machten vier Personen, die als Skelette verkleidet waren. Unterstrichen wurde dieses „Statement“ mit Samples aus Demonstrationsparolen wie „Nationaler Sozialismus jetzt!“ und melodramatischer Untergangsmusik. Der Aufbau einer Endzeitkulisse um das vermeintlich anstehende „Aussterben des deutschen Volkes“ entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem Kernelement der ostdeutsche Neonazi-Szene. Der „Volkstod“, den die „Demokraten demografischen Wandel nennen" (Eigenaussage), ist immer häufiger Hauptmotiv für Demonstrationen und Kundgebungen.


Auch Pößneck sei vom schleichenden „Volkstod“ betroffen, so ein Redner beim TdnJ. In verschiedenen Redebeiträgen schilderten die Thüringer Neonazis Patrick Weber (Sondershausen), Tobias Kammler (Wartburgkreis), ein „Aktivist“ aus Altenburg und dem Weimarer Land ihre Einschätzungen zum „Volkstod“. Weitere RednerInnen waren Mareike Bielefeld (Saalfeld), Thomas „Steiner“ Wulff (Hamburg), Maik Müller (Dresden) und ein Vertreter des „Freien Netz Süd“. Der angekündigte Stefan Wagner (Schkeuditz) hingegen sprach nicht. Zwischen den Redebeiträgen spielten „Aufbruch“ (Mannheim), „Thrima“ (Niepars), „12 Golden Years“ (Thüringen) und der Liedermacher Max (Maximilian Lemke aus Jena).

Insgesamt blieb der „9. Thüringentag der nationalen Jugend“ hinter den Erwartungen der OrganisatorInnen zurück. Die TeilnehmerInnenzahl schrumpfte deutlich im Vergleich zum Vorjahr. Jedoch ist dies kein Grund der Veranstaltung die Bedeutung für die regionale neonazistische Szene abzusprechen. Die Zahlen der Vorjahre zeigen, dass es immer wieder zu starken Schwankungen der TeilnehmerInnenzahlen kam. Ein Grund dafür könnte die Dichte der Musikveranstaltungen in der Region bilden. In Thüringen und Sachsen gibt es mittlweile eine Vielzahl solcher Veranstaltungen.

 
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