Im kleinen Bahnhof der tschechischen Stadt Hradec Králové weht die weiße Fahne der tschechischen Neonazi-Partei »Delnická strana«. Die Fahne mit dem roten Zahnrad und dem Namenkürzel bildet den Anziehungspunkt für die rund 280 tschechischen, slowakischen sowie das knappe Dutzend deutscher Neonazis, welche sich in den Mittagsstunden in dem Bahnhofsgebäude treffen. Bis zum frühen Nachmittag versammelten sich, die zum Großteil kahl rasierten jungen Männern um das Banner, um an einem von der Stadtverwaltung von Hradec Králové verbotenen Aufmarsch der derzeitig wichtigsten tschechischen Neonazipartei teilzunehmen. Ursprünglich sollten bei der Veranstaltung, welche unter dem Motto »den svobody« (»Tag der Freiheit«) stand, mehrere Neonazi-Bands und Redner auftreten. Jedoch wurde die Veranstaltung, nachdem der Mietvertrag für das Gelände durch die Stadtverwaltung aufgekündigt wurde, seitens der lokalen Behörden untersagt. Geplant war eine Veranstaltung in einem Amphitheater nahe der ca. 80 Kilometer von Prag entfernt gelegen Stadt Hradec Králové. Beworben wurden die «Feierlichkeiten« bereits seit Wochen- auch von deutschen Neonazis. So waren, im Rahmen der Veranstaltung auch Vertreter_innen der neonazistischen NPD und des militanten »Kameradschaftsspektrums« mit Redebeiträgen angekündigt.
Neben den Redebeiträgen war ebenfalls der Auftritt von vier neonazistischen Musikgruppen vorgesehen. Als Überraschungsgast angekündigt war dabei Ken McLellan, der britische Sänger der »Blood & Honour« Band »Brutal Attack«. Ähnlich wie beim jährlich in der Bundesrepublik Deutschland stattfindenden »Fest der Völker«, wo unter anderem »Blood & Honour« Aktivisten aus dem europäischen Umland zusammenkommen, sollte die Veranstaltung der Vernetzung europäischer Neofaschisten dienen. Die kurzfristige Untersagung der Veranstaltung durch die tschechischen Behörden hinderte die angereisten Neonazis jedoch nicht daran, eine Ersatzveranstaltung im Innenstadtbereich von Hradec Králové durchzuführen. Obwohl die Kundgebung nicht genehmigt wurde, zogen gegen 15:00 Uhr rund 280 Neonazis in einem Aufmarsch zum späteren Kundgebungsort, vor dem örtlichen Polizeirevier. Begleitet wurde sie durch eine Hundertschaft der tschechischen Polizei. Unter den zum Teil vermummten Aufmarschteilnehmer_innen befanden sich neben einer Reihe neonazistischer Skinheads auch eine Vielzahl von Neonazis aus dem Spektrum der sogenannten tschechischen »Autonomen Nationalisten«. Ein Sprecher der Stadtverwaltung teilte mit, dass die illegale Versammlung von den Behörden hätte aufgelöst werden können, doch wurde die Empfehlung der Polizei akzeptiert, die Lage "nicht zu eskalieren". Auch der stellvertretende Bürgermeister, Martin Soukup, rechtfertigte im Nachhinein das Stillhalten der Polizei: "Es kam nicht zur Störung der öffentlichen Ordnung, es wurde kein Eigentum beschädigt. Alles verlief ruhig, auch das Ende der Versammlung."
Ein Aufmarsch für 204,69 Euro Als Folge des Aufmarsches erhielt der Anmelder der ursprünglich als »Tag der Freiheit« geplanten Veranstaltung, Thomas Vandas, seines Zeichens Vorsitzender der »Delnická Strana«, eine Geldbuße der Stadverwaltung von Hradec Králové. Sonderlich stören dürfte ihn die Strafe von rund 5000 tschechischen Kronen, umgerechnet 204,69 Euro, nicht. Gemeinsam mit Jiri Stépánek einem weiteren Parteifunktionär der »Delnická Strana« nutze Thomas Vandas hingegen diese Gelegenheit um anwesenden tschechischen Journalist_innen bereitwillig Auskunft über die Ziele seiner Partei zu geben.
Bei der anschließenden Kundgebung auf einem kleinen Vorplatz vor dem Polizeirevier in Hradec Králové machten Thomas Vandas sowie Jiri Stépánek, Vizevorsitzender der »Delnická Strana«, mit Redebeiträgen ihren Unmut über das Vorgehen der tschechischen Behörden Luft.
Neben den Vertretern der »Delnická Strana« traten während der Kundgebung auch deutsche Neonazis in Erscheinung. So hielt der bereits im Vorfeld angekündigte Per Lennart Aae, Mitarbeiter der sächsischen NPD Fraktion ebenfalls einen Redebeitrag. Mit seinen Ausführungen gegen den »EU-Monsterstaat« und dem antisemitisch motivierten Verweis auf »die drohende Weltherrschaft der Hochfinanz« erntete das NPD Mitglied tosenden Beifall der Zuhörer_innen.
Auch Katrin Köhler, Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Chemnitz störte sich nicht am Charakter der Veranstaltung. Angekündigt wurde Köhler im Vorfeld als Vertreterin des »Ring Nationaler Frauen« (RNF), einer Frauenorganisation der neonazistischen NPD in Deutschland. Ebenso wie Per Lennart Aae legte die langjährige Neonaziaktivistin in ihrem Redebeitrag einen Schwerpunkt auf antisemitische Inhalte. Sie forderte »Alle national denkenden und handelnden Menschen in Europa müssen zusammenhalten, um einen starken Gegenpol zum internationalen Hochfinanzkapital zu bilden«.
Carola Holz, die derzeitige Vorsitzende des NPD Landesverband von Sachsen-Anhalt und Aktive im »Ring Nationaler Frauen« (RNF) überbrachte für ihren NPD-Landesverband »die besten Kampfesgrüße« und forderte ein »Europa der Vaterländer«, welches der Globalisierung und »Pan-Amerikanisierung Europas« die »Stirn bieten« müsse. Neben Carola Holz trat ein Vertreter der deutschen Kameradschaftsszene an das Megaphon der sich als Kamerad aus Dortmund vorstellte. Auch dieser schlug in die gleiche antisemitische Kerbe wie bereits seine Vorreder_innen und hetzte gegen die »Fremdherrschaft der USA, die wiederum nur dem Lebensinteresse Israels dienen durch ihre unglaubliche Macht, die sie unter anderem durch ihr Weltfinanzsystem aufgebaut haben«. Danach rief er die Anwesenden zu einer Schweigeminute für den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß auf und zitierte dabei aus dessen Schlußwort im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess: »Ich bereue nichts«.
"Deutsch-Tschechische Freundschaft"
Im weiteren Verlauf des Tages kam es zu einem Treffen von Vertretern der tschechischen »Delnická strana« und der deutschen NPD, die in Zukunft ihre Zusammenarbeit intensivieren wollen. Ab Anfang September diesen Jahres planen beide Parteien in mehreren Zusammentreffen »die Erfahrungen und Strategien der politischen Arbeit« auszutauschen und zu vertiefen. Der an den Gesprächen beteiligte Mitarbeiter des »Deutsche Stimme«-Verlags, Sven Schwerdtfeger soll hierbei gemeinsam mit Dr. Olaf Rose und Karl Richter ein Seminar zu »politischen Fragen« leiten. Dr. Olaf Rose gehört seit 2008 dem Bundesvorstand des NPD an, ist seit den 90er Jahren im Vorstand der »Gesellschaft für freie Publizistik« aktiv und tritt auch im Zusammenhang mit der neofaschistischen Kontinent-Europa-Stiftung auf. Der aus München stammende Karl Richter sitzt dort für die »Bürgerinitiative Ausländerstopp« im Stadtrat, ist für diverse neofaschistische Publikationen als Autor aktiv und Mitglied des Beratergremiums der Sächsischen Landtagsfraktion der NPD. Richter hatte 2004 für Schlagzeilen gesorgt, als er als Statist in Bernd Eichingers Film »Der Untergang« mitwirkte und sich im Nachhinein über die »authentische Atmosphäre« gefreut hatte.
Schon seit geraumer Zeit bestehen gute Kontakte zwischen deutschen und tschechischen Neonazis. Für die »Delnická Strana« stellt dabei die NPD das Vorbild dar. Immerhin sitzen ihre Vertreter_innen in zwei ostdeutschen Landesparlamenten und in Sachsen flächendeckend in den Kommunalparlamenten. Immer wieder kam es zu gemeinsamen Aktivitäten. So nehmen regelmäßig "Kameraden aus Böhmen" an Veranstaltungen westsächsischer Neonazis teil. Beispielsweise trat am 8. November in Reichenbach/Vogtland der Führungskader des tschechischen "Narodni Odpor" (Nationaler Widerstand), Patrik Vondrák, neben Jürgen W. Gansel und Peter Naumann von der NPD als Redner auf.
An allen größeren Aktivitäten der deutschen Szene beteiligen sich ebenfalls tschechische Neonazis. Sei es das Fest der Völker in Altenburg, der "Trauermarsch" zum 13. Februar in Dresden, der "Antikriegstag" in Dortmund, der "JN-Sachsentag" in Dresden - bis zu 150 tschechische Teilnehmer sind hier die Regel. |